Wem gehört Rolls-Royce wirklich? Markenrechte, Milliardendeals und zwei Firmen mit demselben NamenKI unterstützt

Wem gehört Rolls-Royce wirklich? Markenrechte, Milliardendeals und zwei Firmen mit demselben Namen

Kaum eine Marke sorgt bei der Eigentümerfrage für so viel Verwirrung wie Rolls-Royce. Der eine denkt an handgefertigte Autos mit der stehenden Kühlerfigur, der andere an Flugzeugtriebwerke unter den Tragflächen eines Airbus A350. Beide liegen richtig. Hinter dem Namen stecken heute zwei vollständig getrennte Unternehmen mit unterschiedlichen Eigentümern, unterschiedlichen Produkten und unterschiedlichen Bilanzen. Dass sie denselben Doppelnamen tragen, ist das Ergebnis einer Insolvenz, einer Verstaatlichung und eines Bieterkampfs, der 1998 die halbe europäische Automobilbranche beschäftigte.

Zu wem gehört Rolls Royce? Die kurze Antwort vorweg

Die Automarke Rolls-Royce gehört der BMW Group. Rolls-Royce Motor Cars Limited mit Sitz in Goodwood, West Sussex, ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der BMW AG in München. Seit dem 1. Januar 2003 baut und verkauft dieses Unternehmen die Autos, seit diesem Datum liegen alle Rechte am Markennamen für den Automobilbau bei BMW. Kein Minderheitsgesellschafter, keine geteilte Kontrolle: Die Firma gehört zu hundert Prozent zum Münchner Konzern, zusammen mit den Marken BMW, MINI und BMW Motorrad.

Der zweite Rolls-Royce, der Triebwerkshersteller, gehört niemandem im klassischen Sinn. Rolls-Royce Holdings plc ist ein börsennotierter Technologiekonzern mit Sitz in London, dessen Aktie im FTSE 100 gelistet ist und sich im Streubesitz tausender institutioneller und privater Anleger befindet. Die operative Gesellschaft darunter heißt Rolls-Royce plc. Mit dem Bau von Autos hat sie seit 1973 nichts mehr zu tun.

Wer also fragt, wem die Marke gehört, muss zuerst klären, welche gemeint ist. Die Autos: BMW. Die Triebwerke: die Aktionäre von Rolls-Royce Holdings plc. Zwischen beiden besteht eine Lizenzvereinbarung über die Nutzung des Namens und des Doppel-R-Logos, mehr nicht.

Zwei Firmen, ein Name: Rolls-Royce Motor Cars und Rolls-Royce Holdings plc

Die Trennung ist älter, als die meisten vermuten. Sie geht auf das Jahr 1971 zurück, als die damalige Rolls-Royce Ltd an der Entwicklung des Triebwerks RB211 finanziell scheiterte und zahlungsunfähig wurde. Die britische Regierung verstaatlichte den Konzern, weil die Triebwerkssparte als strategisch unverzichtbar galt. Die Autosparte war für den Staat dagegen entbehrlich und wurde 1973 als eigenständige Firma namens Rolls-Royce Motors abgespalten und an die Börse gebracht. Ab diesem Moment existierten zwei Unternehmen mit nahezu identischem Namen.

Seitdem hat jedes von beiden seine eigene Geschichte geschrieben. Rolls-Royce Motors landete 1980 beim Rüstungs- und Industriekonzern Vickers, 1998 kam der Verkauf nach Deutschland. Die Triebwerkssparte wurde 1987 unter der Regierung Thatcher privatisiert und firmierte fortan als Rolls-Royce plc. 2011 setzte man eine Holdingstruktur darüber, seither ist Rolls-Royce Holdings plc die börsennotierte Dachgesellschaft, während Rolls-Royce plc das operative Geschäft führt.

Merkmal Rolls-Royce Motor Cars Ltd Rolls-Royce Holdings plc / Rolls-Royce plc
Eigentümer BMW AG (100 Prozent) Börsennotiert, Streubesitz
Sitz Goodwood, West Sussex London
Produkte Automobile der Oberklasse Triebwerke, Antriebe, Energiesysteme
Beschäftigte rund 2.500 am Standort über 40.000 weltweit
Seit wann eigenständig 1973 abgespalten, ab 2003 bei BMW 1987 privatisiert

Beide Unternehmen pflegen dieselbe Tradition und berufen sich auf dieselben Gründer. Geschäftlich verbindet sie nur noch der Vertrag über den Namen. Rolls-Royce Motor Cars darf ihn für Autos nutzen, Rolls-Royce plc für alles, was fliegt, fährt oder Strom erzeugt. Die Vereinbarung enthält Schutzklauseln: Sollte die BMW Group ihre Tochter eines Tages an einen Eigentümer weiterreichen, der den Londoner Partnern nicht passt, kann die Lizenz entzogen werden.

Hat BMW Rolls-Royce aufgekauft? Der Bieterkampf von 1998

Genau genommen lautet die Antwort nein. BMW hat die alte Firma nicht gekauft. Der Konzern hat sich die Rechte an einem Namen gesichert und anschließend ein völlig neues Unternehmen aufgebaut. Dass daraus trotzdem ein funktionierender Automobilhersteller wurde, gehört zu den ungewöhnlicheren Kapiteln der jüngeren Unternehmensgeschichte.

Der Ausgangspunkt: Im Frühjahr 1998 kündigte Vickers an, Rolls-Royce Motors zu verkaufen. Das Paket umfasste das Werk in Crewe, die Markenrechte an Bentley, die Konstruktionsunterlagen, die Belegschaft und die Modellpalette. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete BMW bereits eng mit Crewe zusammen. Der Silver Seraph, 1998 vorgestellt, fuhr mit einem V12 aus München, der parallel präsentierte Bentley Arnage nutzte einen aufgeladenen V8 von BMW. Die Münchner galten als natürlicher Käufer, auch weil die technische Abhängigkeit ohnehin bestand.

BMW bot rund 340 Millionen Pfund. Volkswagen legte kurz darauf etwa 430 Millionen Pfund auf den Tisch und bekam den Zuschlag. In München reagierte man gereizt, drohte mit dem Entzug der Motorenlieferungen und zog eine Karte, die in Wolfsburg offenbar unterschätzt worden war: Die Markenrechte am Namen Rolls-Royce für Autos gehörten gar nicht zu Vickers. Sie lagen beim Triebwerkshersteller Rolls-Royce plc, der sie der Autofirma nur lizenziert hatte.

Rolls-Royce plc verkaufte die Nutzungsrechte für Namen und Logo im Automobilbau anschließend für etwa 40 Millionen Pfund an BMW. Verglichen mit dem, was Volkswagen für Fabrik und Firma gezahlt hatte, war das ein Bruchteil. Die alten Verbindungen zwischen der Triebwerkssparte und BMW spielten dabei eine Rolle, beide arbeiteten damals im Bereich kleinerer Flugtriebwerke zusammen.

Damit war die Lage grotesk: Volkswagen besaß eine Fabrik, in der Autos gebaut wurden, deren Namen der Firma nicht mehr gehörte. BMW besaß einen der bekanntesten Namen der Welt, aber kein Werk, keine Mitarbeiter und kein Modell. Nach monatelangen Verhandlungen einigten sich beide Konzerne im Sommer 1998 auf eine Übergangslösung. Volkswagen durfte bis zum 31. Dezember 2002 weiterhin Rolls-Royce Automobile in Crewe bauen und verkaufen, inklusive Motorenbelieferung aus München. Ab dem 1. Januar 2003 gingen sämtliche Rechte an die BMW Group über.

Die Münchner nutzten die vier Jahre. Sie gründeten 1998 die Rolls-Royce Motor Cars Limited als neue Firma, suchten einen Standort, kauften ein Grundstück auf dem Anwesen des Earl of March bei Goodwood und ließen von Nicholas Grimshaw ein Werk entwerfen, das sich unter einem begrünten Dach in die Landschaft duckt. Parallel entwickelte ein kleines Team den Phantom. Am 1. Januar 2003 lief die Lizenz aus, am selben Tag startete die Produktion in Goodwood. Pünktlicher kann ein Markenwechsel kaum ablaufen.

Hat VW Rolls-Royce gekauft? Was Volkswagen in Crewe wirklich bekam

Ja, Volkswagen hat 1998 die Firma Rolls-Royce Motors gekauft. Nein, Volkswagen hat die Marke Rolls-Royce nie besessen. Diese Unterscheidung erklärt, warum die Frage bis heute immer wieder gestellt wird und warum beide Antworten im Umlauf sind.

Für die rund 430 Millionen Pfund erhielt der Wolfsburger Konzern das Werk Crewe mit damals etwa 2.400 Beschäftigten, die Marke Bentley, die laufenden Modelle, die Lieferantenbeziehungen und die Rechte an einigen Gestaltungselementen. Dazu zählten die Kühlerfigur Spirit of Ecstasy und die charakteristische Form des Rolls-Royce Kühlergrills, die markenrechtlich getrennt vom Namen geschützt waren. Auch diese Rechte wanderten im Rahmen der Einigung später zu BMW, sodass die BMW Group ab 2003 über ein vollständiges Paket verfügte.

Volkswagen hat den Deal nie bereut, zumindest nicht öffentlich. Crewe war technisch rückständig, aber die Substanz stimmte: Fertigungs-Know-how, Lederwerkstatt, Holzmanufaktur, eine über Jahrzehnte gewachsene Mannschaft. Der Konzern investierte mehrere hundert Millionen Euro und baute Bentley zu einem profitablen Hersteller aus. Der Continental GT von 2003 verkaufte sich in Stückzahlen, die in Crewe zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Aus einer Marke, die zuletzt knapp tausend Autos im Jahr abgesetzt hatte, wurde ein Anbieter, der zeitweise über 15.000 Fahrzeuge jährlich auslieferte.

Dass Volkswagen für die Hülle zahlte und BMW den Namen bekam, gilt dennoch bis heute als Lehrstück. Markenrechte liegen nicht automatisch dort, wo die Produktion steht. Wer eine Firma kauft, kauft nicht zwangsläufig das Schild an der Tür.

Wem gehört Bentley?

Bentley Motors Limited gehört zum Volkswagen-Konzern und ist bis heute in Crewe ansässig, an derselben Adresse, an der bis 2002 auch Rolls-Royce Automobile vom Band liefen. Innerhalb der Wolfsburger Markenarchitektur wurde Bentley der von Audi geführten Markengruppe zugeordnet, zusammen mit Lamborghini und Ducati. An der Eigentümerstruktur ändert das nichts: Letztlich hängt Bentley an der Volkswagen AG.

Die enge Verwandtschaft von Rolls-Royce und Bentley ist historisch gewachsen und sorgt für zusätzliche Verwirrung. Walter Owen Bentley gründete seine Firma 1919 in London. Nach einer Reihe von Le-Mans-Siegen in den 1920er-Jahren geriet das Unternehmen in finanzielle Schieflage und wurde 1931 von Rolls-Royce übernommen. Von da an waren Rolls-Royce und Bentley Schwestermarken unter einem Dach, über Jahrzehnte hinweg technisch nahezu identisch. Ein Bentley T war ein Rolls-Royce Silver Shadow mit anderem Kühler, der Bentley Mulsanne ein Rolls-Royce Silver Spirit mit sportlicherem Auftritt.

Erst 1998 endete diese Ehe. Seitdem konkurrieren beide Häuser direkt, und sie tun es mit deutscher Technik im Rücken: Bentley stützt sich auf Plattformen und Antriebe aus dem Volkswagen-Konzern, Rolls-Royce Motor Cars auf die Entwicklungsarbeit der BMW Group. Dass ausgerechnet zwei deutsche Konzerne die beiden Ikonen des britischen Automobilbaus halten, war 1998 Gesprächsstoff in der britischen Presse. Zwei Jahrzehnte später spricht kaum noch jemand darüber, weil beide Marken unter den neuen Eigentümern deutlich größer geworden sind als je zuvor.

Was hat Rolls-Royce mit BMW zu tun? Motoren, Plattformen und ein Joint Venture

Die technische Verbindung reicht weiter zurück als die Eigentümerfrage. Schon 1990 gründeten BMW und Rolls-Royce plc eine gemeinsame Gesellschaft für die Entwicklung kleinerer Flugtriebwerke im brandenburgischen Dahlewitz, ein Joint Venture, aus dem später die heutige Rolls-Royce Deutschland hervorging. Die Münchner stiegen Anfang der 2000er-Jahre aus, die Triebwerke der BR700-Familie und die späteren Pearl-Antriebe für Geschäftsreiseflugzeuge entstehen aber bis heute in Dahlewitz.

Im Automobilbereich begann die Zusammenarbeit 1998 mit den erwähnten Motorenlieferungen nach Crewe. Seit 2003 ist die Verbindung total. Jedes in Goodwood gebaute Auto nutzt Technik, die ihren Ursprung in der BMW Group hat, ohne dass daraus ein umetikettierter BMW würde. Der 6,75 Liter große V12 mit zwei Turboladern stammt aus derselben Motorenfamilie wie die Zwölfzylinder, die BMW in den Siebener-Modellen verbaute, wurde für Goodwood aber auf Hubraum, Drehmomentverlauf und Laufkultur neu ausgelegt. Elektronikarchitektur, Fahrerassistenz, Infotainment und Steuergeräte kommen aus dem Baukasten des Konzerns, die Bedienoberfläche ist eigens gestaltet.

Entscheidend ist die Aluminium-Spaceframe-Struktur, die intern Architecture of Luxury heißt und seit dem Phantom VIII von 2017 unter allen aktuellen Modellen liegt. Sie wurde von Rolls-Royce Motor Cars entwickelt, nicht von BMW, und wird ausschließlich in Goodwood verwendet. Auf ihr basieren Phantom, Cullinan, Ghost, Spectre und die Einzelstücke der Coachbuild-Abteilung. Die Plattform ist skalierbar, was den sehr unterschiedlichen Radständen der Baureihen zugutekommt.

Der Spectre, seit 2023 im Handel, ist das erste vollelektrische Serienmodell der Marke. Rund 430 kW Leistung, ein Akku von gut 100 kWh und eine Reichweite oberhalb von 500 Kilometern nach WLTP: technisch steht dahinter die Elektrokompetenz der BMW Group, abgestimmt auf ein Fahrzeug von über 2,9 Tonnen. Die Geschäftsführung in Goodwood hat angekündigt, die gesamte Palette bis 2030 auf Elektroantrieb umzustellen. Ohne die Entwicklungsressourcen von BMW wäre dieser Schritt für einen Hersteller mit rund 6.000 Autos im Jahr kaum finanzierbar.

Rolls-Royce Motor Cars in der BMW Group: Goodwood, Stückzahlen, Modelle

Das Werk in Goodwood ist kein Fließbandbetrieb. Ein Auto durchläuft rund zwanzig Tage Fertigungszeit, bei aufwendigen Sonderausstattungen deutlich länger. Etwa 2.500 Menschen arbeiten am Standort, darunter Sattler, Holzspezialisten und Lackierer, die Zierlinien bis heute freihändig mit dem Pinsel ziehen. Die Belegschaft hat sich seit 2003 mehr als verzehnfacht, damals startete die Firma mit rund 300 Beschäftigten und einem einzigen Modell.

Die Absatzentwicklung zeigt, warum die BMW Group an dem Engagement festhält. Zu Beginn verkaufte Rolls-Royce Motor Cars einige hundert Autos im Jahr. Seit Ende der 2010er-Jahre liegt der Absatz regelmäßig in der Größenordnung von 5.500 bis gut 6.000 Fahrzeugen, verteilt auf mehr als 50 Märkte. Die wichtigsten Absatzregionen sind die USA, China, der Nahe Osten und Europa. Die Margen liegen dort, wo man sie bei Grundpreisen zwischen etwa 300.000 und über 500.000 Euro erwartet.

Die Modellpalette umfasst derzeit:

  • Phantom: die Baureihe an der Spitze, seit 2003 ununterbrochen im Programm, aktuell in achter Generation
  • Ghost: die etwas kompaktere Limousine, 2009 eingeführt, seit 2020 in zweiter Generation
  • Cullinan: der erste SUV der Marke, 2018 vorgestellt, 2024 überarbeitet
  • Spectre: das zweitürige Elektrocoupé, seit 2023
  • Coachbuild: Einzelanfertigungen wie Sweptail, Boat Tail und Droptail, in Auflagen von einem bis vier Exemplaren

Dazu kommt das Programm Bespoke, über das Kunden Farben, Hölzer, Intarsien und Stickereien nahezu frei bestimmen. Der Anteil der Autos mit nennenswerter Individualisierung liegt bei annähernd hundert Prozent, viele Aufträge verdoppeln den Grundpreis. Genau dieser Teil des Geschäfts ist für die BMW Group besonders attraktiv, weil er kaum Investitionen bindet und hohe Deckungsbeiträge liefert.

Innerhalb des Konzerns genießt die Tochter einen Sonderstatus. Entwicklung, Design und Vertrieb werden von Goodwood aus gesteuert, der Geschäftsführer berichtet direkt an das Vorstandsressort in München. Die Kommunikation vermeidet jede Erwähnung von Gleichteilen, was bei einem Preisniveau in dieser Höhe nachvollziehbar ist. Technisch bleibt die Verbindung trotzdem offensichtlich, und sie ist der Grund, warum die Marke heute wirtschaftlich stabil dasteht.

Charles Rolls, Frederick Henry Royce und die Gründung von Rolls-Royce Ltd

Am Anfang standen zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Frederick Henry Royce, 1863 in Alwalton geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, verkaufte als Kind Zeitungen und arbeitete sich über eine Lehre bei der Great Northern Railway zum Elektroingenieur hoch. Seine Firma in Manchester stellte Kräne und elektrische Bauteile her. 1904 baute er aus Unzufriedenheit mit einem französischen Kleinwagen ein eigenes Auto, den Royce 10, einen Zweizylinder von zehn PS. Henry Royce war Perfektionist bis zur Zwanghaftigkeit, sein Satz “Strive for perfection in everything you do” prägt die Firmenkultur bis heute.

Charles Stewart Rolls, 1877 geboren, war der Sohn eines Barons, Absolvent von Cambridge, Rennfahrer, Ballonfahrer und einer der ersten Autohändler Großbritanniens. Er verkaufte in London französische Wagen und suchte nach einem britischen Fabrikat, das seinem Anspruch genügte. Am 4. Mai 1904 trafen sich beide im Midland Hotel in Manchester. Rolls war von dem kleinen Zweizylinder so angetan, dass er sich verpflichtete, die gesamte Produktion abzunehmen, unter der Bedingung, dass die Autos seinen Namen mittrugen.

Am 15. März 1906 entstand daraus die Rolls-Royce Ltd. Ein Jahr später folgte das Modell 40/50 HP, das als Silver Ghost in die Geschichte einging und mit einem Dauerlauf über mehr als 24.000 Kilometer den Ruf der Firma als Hersteller unzerstörbarer Autos begründete. 1908 zog die Produktion nach Derby. Charles Rolls selbst erlebte den Aufstieg nur kurz: Er starb am 12. Juli 1910 bei einem Flugunfall in Bournemouth und war damit der erste Brite, der bei einem Absturz mit einem Motorflugzeug ums Leben kam. Seine Karriere als Pionier dauerte keine zehn Jahre.

Royce führte das Unternehmen weiter, musste aus gesundheitlichen Gründen aber ab 1912 vom Süden Englands und von Südfrankreich aus arbeiten. Er starb 1933. Die Firma hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst ein zweites Standbein aufgebaut: Im Ersten Weltkrieg entstand der Flugmotor Eagle, im Zweiten Weltkrieg der Merlin, der Spitfire, Hurricane und Mustang antrieb. Für die Merlin-Fertigung entstand ab 1938 ein Werk in Crewe, das nach dem Krieg auf Autos umgestellt wurde und bis heute Bentleys produziert.

Dieser doppelte Charakter, Autos und Triebwerke in einem Haus, hielt bis 1971. Danach lief die Geschichte auf zwei Gleisen weiter. Beide Nachfolger berufen sich auf dieselbe Gründung, dieselben Namen und dieselbe Tradition, was juristisch sauber geregelt, im Alltag aber eine dauerhafte Quelle für Missverständnisse ist.

Die Spirit of Ecstasy als Markenzeichen zweier Epochen

Die kleine Figur auf dem Kühler ist seit 1911 im Einsatz. Entworfen hat sie der Bildhauer Charles Sykes, als Modell diente nach verbreiteter Darstellung Eleanor Thornton, die Sekretärin und Geliebte von John Montagu, einem frühen Kunden der Firma. Die Spirit of Ecstasy, im deutschen Sprachraum oft Emily genannt, wurde über Jahrzehnte in unterschiedlichen Größen und Materialien gefertigt, von Silber über verchromtes Messing bis zu beleuchtetem Kristallglas in der Gegenwart.

Bei der Aufteilung von 1998 gehörte die Figur zunächst zu dem Paket, das Volkswagen erwarb. Die Rechte daran und an der Grillform gingen anschließend im Rahmen der Einigung an die BMW Group über, weshalb Bentley seit 2003 keine Kühlerfigur dieser Art mehr führt. Seitdem steht die Spirit of Ecstasy ausschließlich auf Autos aus Goodwood, versenkbar auf Knopfdruck und mit einem Mechanismus gesichert, der sie bei Erschütterung ins Gehäuse zieht.

2022 überarbeitete Rolls-Royce Motor Cars die Figur zum ersten Mal grundlegend. Für den Spectre wurde sie flacher und aerodynamischer gestaltet, die Höhe sank von gut zehn auf rund acht Zentimeter, die Haltung ist dynamischer, ein Bein nach vorn gesetzt. Der Anlass war messbar: Jeder Zentimeter Luftwiderstand zählt bei einem Elektroauto. Das Markenzeichen blieb erkennbar, die Funktion wurde angepasst. So arbeitet die Firma seit zwanzig Jahren unter BMW, vorsichtig im Umgang mit Symbolen, pragmatisch in der Technik.

Rolls-Royce plc: Der Technologiekonzern hinter den Triebwerken

Wer in Großbritannien von Rolls-Royce spricht, meint meist nicht die Autos. Rolls-Royce Holdings plc gehört zu den größten Industrieunternehmen im Vereinigten Königreich und ist nach Stückzahlen der zweitgrößte Hersteller ziviler Großtriebwerke der Welt. Der Konzern beschäftigt mehr als 40.000 Menschen und arbeitet in mehreren Geschäftsbereichen.

  • Civil Aerospace: Triebwerke der Trent-Familie für Airbus A330, A350, A380 und Boeing 787, dazu Antriebe für Geschäftsreiseflugzeuge. Das Geschäftsmodell beruht stark auf langfristigen Wartungsverträgen, bei denen der Kunde pro Flugstunde zahlt.
  • Defence: Antriebe für Militärflugzeuge und Hubschrauber sowie Nuklearreaktoren für die U-Boot-Flotte der Royal Navy.
  • Power Systems: Dieselmotoren und Energieanlagen, geführt von Friedrichshafen aus. Hinter diesem Teil steckt die frühere MTU, die über die Tognum-Übernahme ab 2011 zum Konzern kam und seit 2014 vollständig dazugehört.
  • New Markets: unter anderem kleine modulare Reaktoren, an denen die eigens gegründete Rolls-Royce SMR arbeitet.

Die Pandemie traf den Konzern härter als fast jedes andere europäische Industrieunternehmen, weil die Einnahmen direkt an geflogene Stunden gekoppelt sind. 2020 brach der Umsatz ein, es folgten Kapitalerhöhung, Verkäufe von Beteiligungen und ein Abbau tausender Stellen. Seit 2023 zeigt die Bilanz wieder deutlich nach oben, der Umsatz liegt inzwischen klar über 15 Milliarden Pfund, und die Aktie hat sich von den Tiefständen erholt.

Eine Besonderheit: Die britische Regierung hält an Rolls-Royce Holdings plc eine Sonderaktie, die ihr ein Vetorecht bei bestimmten Entscheidungen einräumt, etwa bei einer Verlagerung des Firmensitzes oder einer Übernahme durch ausländische Eigentümer. Der Grund liegt in den Rüstungsaktivitäten. Eine feindliche Übernahme dieses Rolls-Royce ist damit praktisch ausgeschlossen, anders als bei der Autofirma, die ganz normal den Besitzer wechseln konnte.

Aktie und Anteile: Wo Anleger bei Rolls-Royce mitverdienen können

Hier wird die Frage nach den Eigentümern konkret. Wer Anteile an Rolls-Royce kaufen möchte, hat genau eine Möglichkeit: die Aktie von Rolls-Royce Holdings plc, gehandelt in London unter dem Kürzel RR. und in Deutschland über diverse Börsenplätze. Es handelt sich um den Triebwerkskonzern. Mit dem Verkauf von Autos hat diese Beteiligung nichts zu tun.

An Rolls-Royce Motor Cars lassen sich keine Anteile erwerben. Die Firma ist eine nicht börsennotierte Tochtergesellschaft, die vollständig der BMW AG gehört. Indirekt beteiligt ist jeder, der BMW-Aktien hält, allerdings fällt die Automarke im Konzernergebnis nicht gesondert auf. Bei der BMW Group selbst sind die Eigentumsverhältnisse ebenfalls klar: Stefan Quandt und Susanne Klatten halten zusammen einen Anteil von knapp unter der Hälfte, der Rest befindet sich im Streubesitz. Diese stabile Ankeraktionärsstruktur gilt als einer der Gründe, warum der Konzern langfristige Projekte wie den Aufbau eines Herstellers von Grund auf überhaupt durchziehen konnte.

Für Anleger lohnt sich der Blick auf das Profil der beiden Unternehmen: Das eine ist ein zyklischer Zulieferer der Luftfahrt mit hohem Serviceanteil und politischer Abhängigkeit, das andere ein kleiner, hochprofitabler Baustein in der Bilanz eines deutschen Automobilherstellers. Wer den Namen in einem Depot sieht, sollte wissen, welcher davon gemeint ist.

Typische Irrtümer rund um den Namen Rolls-Royce

Drei Annahmen halten sich besonders hartnäckig, und alle drei sind falsch oder zumindest ungenau.

Erstens: BMW baut Flugzeugtriebwerke unter dem Namen Rolls-Royce. Tut der Konzern nicht. Die frühere Zusammenarbeit in Dahlewitz endete Anfang der 2000er-Jahre, als BMW seine Anteile an den britischen Partner abgab. Die BMW Group konzentriert sich vollständig auf Fahrzeuge, die Triebwerke gehören zu Rolls-Royce plc.

Zweitens: Rolls-Royce ist eine britische Firma in britischer Hand. Für den Triebwerkskonzern stimmt das weitgehend, für die Autos nicht. Rolls-Royce Motor Cars wird in England gebaut, mit britischen Beschäftigten, aber die Firma gehört einem Konzern mit Sitz in München. Entwicklungsleistung, Antriebstechnik und Kapital kommen aus Deutschland. Dass die Autos trotzdem als britisch wahrgenommen werden, ist Teil einer bewussten Markenführung.

Drittens: Rolls-Royce und Bentley sind immer noch eine Firma. Seit 1998 getrennt, seit 2003 endgültig entflochten. Rolls-Royce und Bentley teilen sich nur noch die gemeinsame Vergangenheit und einen Teil der Kundschaft. Technisch und wirtschaftlich stehen sie auf gegnerischen Seiten, der eine im Volkswagen-Konzern, der andere in der BMW Group.

Bleibt die Frage, warum der Name nie zusammengeführt wurde. Die Antwort ist pragmatisch: Beide Seiten profitieren vom Ruf des jeweils anderen, ohne Risiken zu teilen. Für Rolls-Royce plc bedeutet die Lizenz eine Einnahme und die Gewissheit, dass das Zeichen in einem Umfeld auftaucht, das dem eigenen Anspruch entspricht. Für die BMW Group war der Name 1998 der Schlüssel zu einem Marktsegment, in das man sonst nur über Jahrzehnte eigener Aufbauarbeit gekommen wäre. 40 Millionen Pfund waren dafür ein bemerkenswert niedriger Preis.

Wer heute in Goodwood vor einem Phantom steht, sieht ein Auto, das in England von Hand gefertigt wird, von einer Firma, die 1998 neu gegründet wurde, unter einem Namen aus dem Jahr 1906, mit Technik aus München und einer Kühlerfigur, die zwischenzeitlich einem anderen Konzern gehörte. Luxus auf vier Rädern ist hier auch ein juristisches Konstrukt. Dass davon beim Fahrgenuss nichts zu spüren ist, spricht für die Arbeit der vergangenen zwei Jahrzehnte.

KI unterstützt

Leave A Comment