Essens-Lieferdienst Lieferando baut rund 2.000 Fahrerstellen ab, Hintergründe, Folgen, AlternativenKI unterstützt

Essens-Lieferdienst Lieferando baut rund 2.000 Fahrerstellen ab, Hintergründe, Folgen, Alternativen

Lesedauer: 3 min | Redaktion | Stand: Juli 2025 | Foto: dpa

Der stellenabbau beim größten deutschen Essenslieferdienst trifft die Branche ins Mark. Lieferando baut bundesweit rund 2.000 Fahrerinnen und Fahrer ab, ein Fünftel der gesamten Flotte. Was das für Beschäftigte, Gewerkschaften und Kundschaft bedeutet, zeigt dieser Überblick.

Ein Fahrradkurier mit einem großen Lieferrucksack fährt durch eine belebte Großstadtstraße, während das Abendlicht die Szene in warmen Farben taucht. Diese Darstellung spiegelt die Tätigkeit von Lieferando-Fahrern wider, die in Städten wie Hamburg und Berlin für einen zuverlässigen Essenslieferdienst sorgen.KI unterstützt

Schneller Überblick: Was hinter dem Lieferando-Stellenabbau steckt

Lieferando plant, 2.000 Fahrer zu entlassen, und das bis Ende des Jahres 2025. Der Stellenabbau betrifft etwa 20 Prozent der gesamten Flotte und damit rund ein Fünftel aller Lieferando Fahrer in Deutschland. Die Entscheidung sorgt für massive Unsicherheit unter den Beschäftigten, denn bisher waren Fahrerinnen und Fahrer fast ausschließlich fest beim Unternehmen angestellt. Lieferando will verstärkt mit Subunternehmen zusammenarbeiten, vor allem in Städten wie Hamburg, Wiesbaden, Lübeck, Bochum und Aachen. Hamburg ist besonders stark vom Stellenabbau betroffen.

Die wichtigsten Fakten auf einen Blick:

  • Lieferando plant den Abbau von rund 2.000 Fahrerstellen bundesweit

  • Rund 20 Prozent der gesamten Flotte werden betroffen sein

  • Die Entlassung soll bis Ende 2025 abgeschlossen sein

  • Künftig übernehmen externe Logistik-Subunternehmen Teile der Auslieferung

  • Offizielle Begründung: veränderte Wettbewerbslandschaft, Kostendruck und der Kundenwunsch nach zuverlässigem Service und kurzen Lieferzeiten

  • Gewerkschaften warnen vor Scheinselbstständigkeit und schlechteren Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen

Hintergründe: Warum Lieferando rund 2.000 Fahrer abbaut und auf Subunternehmen setzt

Lieferando gehört zum niederländischen Lieferdienst Just Eat Takeaway und hat das Liefergeschäft in Deutschland über die Tochter Lieferando Marktplatz Gesellschaft geführt. Die Auslieferung mit eigenen Fahrerinnen und Fahrern lief über die weitere Tochter Takeaway Express, bisher fast ausschließlich fest beim Unternehmen angestellt, mit vollen Sozialleistungen und Kündigungsschutz. Nur rund fünf Prozent des Liefervolumens wurden an Drittanbieter ausgelagert, etwa in Berlin oder ausgewählten Testmärkten. Der Großteil der Fahrer soll laut Angaben von Lieferando auch künftig direkt angestellt bleiben.

Lieferando begründet den Stellenabbau mit strategischer Neuausrichtung und Wettbewerbsdruck. Der Wandel im Markt sei rasanter und tiefgreifender, sagte Deutschlandchef Lennard Neubauer. Der Wunsch der Kundschaft nach zuverlässigen Service und kurze Bestellzeiten könne mit den derzeitigen Strukturen nicht ausreichend sichergestellt werden. Als Grund nannte er vor allem den steigenden Konkurrenzdruck durch Anbieter wie Uber Eats, Wolt und Gorillas/Flink sowie die Notwendigkeit, Lastspitzen an Wochenenden oder bei schlechtem Wetter flexibler abzufangen.

Das neue Modell sieht vor, dass Lieferando wird mit spezialisierten Logistikunternehmen zusammenarbeiten, die als Logistik Unternehmen eigene Mitarbeiter einsetzen. Externe Logistikunternehmen sollen einen Teil der letzten Meile übernehmen, in Hamburg vollständig, in kleineren Städten teilweise. Die Zusammenarbeit mit Subunternehmen ist gängige Praxis im Markt: Konkurrenzanbieter arbeiten häufig ohne eigene angestellte Fahrer und setzen stärker auf Plattform-Modelle und Solo-Selbstständige, was zwar Kostenvorteile bringt, aber höhere Risiken bei Arbeitsrechten bedeutet.

Lieferando will den Stellenabbau sozialverträglich gestalten und plant Verhandlungen über einen Sozialplan mit dem Betriebsrat. Allerdings wurden keine umfassenden Programme wie Umschulungen angekündigt. Der Konzern positioniert sich zunehmend als Tech-Plattform, die Gastronomie und Kundschaft zusammenbringt, während die Logistik von Partnern übernommen wird.

In einer Logistikhalle sind zahlreiche Lieferboxen gestapelt und Fahrräder für den Essenslieferdienst bereitgestellt. Diese Szene spiegelt die aktuelle Situation bei Lieferando wider, wo rund 2.000 Fahrerinnen und Fahrer von Stellenabbau betroffen sind.KI unterstützt

Regionale Auswirkungen und Reaktionen von Fahrern, Gewerkschaften und Politik

Die regionalen Unterschiede sind erheblich. In der Hansestadt Hamburg soll die Logistik weitgehend an Subunternehmen ausgelagert werden, mehrere Hundert Stellen sind an diesem Standort betroffen. In Hamburg gab es bereits einen 36-stündigen Warnstreik der Fahrer, bei dem rund 100 Fahrerinnen und Fahrer vor dem Gewerkschaftshaus protestierten. Andere Städten wie Wiesbaden, Lübeck, Bochum und Aachen sind punktuell betroffen, da der Essens Lieferdienst dort verstärkt mit externen Logistikpartnern arbeiten wird.

Die Reaktionen der Beschäftigten sind deutlich: Vor allem ältere Fahrer, die sich mit über 60 kaum Chancen auf dem freien Arbeitsmarkt ausrechnen, befürchten durch den Wechsel schlechtere Konditionen und unsichere Perspektiven in der Arbeit.

Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) und Betriebsräte:

Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten NGG hat in den vergangenen Jahren Betriebsräte bei Lieferando aufgebaut und Verbesserungen bei Lohn, Ausstattung und Mitbestimmung durchgesetzt. Die Gewerkschaft kritisiert die Auslagerung an Subunternehmen scharf und sieht darin einen Angriff auf Mitbestimmung. Die NGG befürchtet schlechtere Arbeitsbedingungen durch Subunternehmen, das Bild einer „Schattenflotte” mit intransparenten Verträgen und Gefahr von Scheinselbstständigkeit wird gezeichnet.

Zentrale Forderungen der NGG:

  • Bundesweiter Tarifvertrag mit einem Mindestlohn von min. 15 Euro pro Stunde

  • Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit

  • Abfindungen und Qualifizierungsangebote für betroffene Fahrerinnen

  • Keine Auslagerung der Verantwortung für Arbeitsschutz und Löhne

Politische Reaktionen:

Jan van Aken und weitere Vertreter der Linkspartei kritisieren den Stellenabbau und fordern die Politik auf, strengere Regeln für Plattformarbeit und Subunternehmen im Lieferdienst zu schaffen. Das Bundesarbeitsministerium beobachtet den Trend zur Auslagerung in der Branche und will Erfahrungen in die nationale Umsetzung der EU-Plattformarbeitsrichtlinie einfließen lassen, konkrete Zeitpläne sind jedoch offen.

Gesamtbetriebsrat und örtliche Interessenvertretungen verhandeln über Sozialpläne. Die Sorge vor „Verantwortungsdiffusion” bleibt: Bei komplexen Subunternehmerketten wird unklar, wer für Arbeitsschutz, Ausstattung und Löhne letztverantwortlich ist.

Eine Gruppe von Fahrradkurieren demonstriert auf einem städtischen Platz mit Schildern, um gegen den geplanten Stellenabbau bei Lieferando zu protestieren. Die Fahrerinnen und Fahrer fordern bessere Arbeitsbedingungen und den Erhalt von rund 2.000 Fahrerstellen im essens Lieferdienst.KI unterstützt

Ausblick: Was der Umbau bei Lieferando für Fahrer, Branche und Kundschaft bedeutet

Der Stellenabbau betrifft nicht nur Lieferando, sondern setzt ein Signal für den gesamten Markt der Lieferdienste in Deutschland. Für betroffene Fahrerinnen und Fahrer stehen mehrere Szenarien offen: Wechsel zu Subunternehmen mit neuen Verträgen, Suche nach anderen Jobs im Lieferdienst oder verwandten Branchen, oder Teilnahme an Qualifizierungsprogrammen. Direkt angestellte Fahrer erhalten laut Unternehmen bereits mehr als 14 Euro pro Stunde plus Zulagen, die NGG fordert mindestens 15 Euro als Untergrenze, während bei Subunternehmen die Bedingungen oft intransparent bleiben.

Branchenweit setzen viele Lieferdienste im In- und Ausland zunehmend auf flexible, externe Flotten, um Kosten zu senken. Die Risiken sind bekannt: Verlagerung von Verantwortung, schwächere Mitbestimmungsstrukturen und erschwerte Tarifverhandlungen. Die EU-Plattformarbeitsrichtlinie soll Scheinselbstständigkeit bekämpfen und klare Kriterien für den Beschäftigtenstatus definieren, die Entscheidung über die Umsetzung ins deutsche Recht wird maßgeblich bestimmen, ob Fahrer künftig als Arbeitnehmer mit Schutzrechten oder als vermeintlich „freie” Partner arbeiten.

Für Kundinnen und Kunden können sich Servicequalität, Lieferzeiten und Preisstruktur verändern, wenn Subunternehmen eine größere Rolle spielen. Die Frage bleibt, ob mögliche Preis- und Zeitvorteile zulasten von Arbeitsstandards akzeptiert werden, oder ob ein bewussterer Konsum entsteht.

Fazit: Der Stellenabbau bei Lieferando markiert einen Wendepunkt in der deutschen Plattformökonomie. Die kommenden Monate, zwischen Verhandlungen, politischen Entscheidungen und ersten Erfahrungen mit den neuen Flottenpartnern, werden zeigen, ob sich das Modell bewährt oder nachjustiert werden muss. Wer die Entwicklungen verfolgen will, sollte die Verhandlungen zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat und Konzern im Blick behalten.

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